Letztens um Mitternacht schüttete mir ein Freund sein Herz aus, weil er eigentlich schon den ganzen Abend tanzen wollte und es einfach nicht auf den Dancefloor schaffte.
Wir saßen auf einer kleinen Mauer vor dem Gemeindesaal unseres französischen Dorfes. Drinnen legte ein DJ auf und brachte die Leute in Bewegung, während wir uns nach draußen zurückgezogen hatten.
Mein Freund, der ein genialer Softwareentwickler mit großen Visionen ist, zog an seiner Zigarette und strahlte eine temporäre Unzufriedenheit mit sich selbst aus.
“Was ist nur falsch mir?”, fragte er mich.
“Ich habe so viel vor. Ich baue eine eigene App, mit der ich Menschen weltweit im Herzen verbinden möchte, aber ich kriege es selbst nicht hin, von meinem Kopf ins Herz zu kommen!”
Ich konnte ihn so gut verstehen. Denn dieser Zustand, in dem man sich selbst wie ein Idiot vorkommt, ist mir nicht unbekannt. 🙂
Lange war ich selbst meine schärfste Kritikerin, als Tochter eines Alkoholikers, der beim Tropfen zu viel, nicht mit der Hand, sondern mit Worten zuschlug.
Es gibt noch immer diese Momente, in denen ich nicht zufrieden mit mir bin, aber sie besitzen eigentlich keine Zerstörungskraft mehr, weil ich etwas verstanden habe ... (Dazu gleich mehr.)

Ich bin zusammen mit fünf anderen Frauen Teil eines Vereins, mit dem wir alle möglichen Events in unserem Dorf veranstalten, um Spaß zu haben. Die Disco mit DJ war so ein Anlass. So sieht's aus, wenn wir im Gemeindesaal Getränke ausgeben 🙂
An diesem Abend hoffte ich, dass es mir gelingen würde, meinen Freund aus seinem desolaten Zustand herauszuholen und ich erinnerte mich an eine Situation, in der ich jahrelang ähnlich hart mit mir selbst ins Gericht gegangen bin.
Als Coach leite ich Gruppen und spreche oft vor Publikum, aber wenn ich selbst Teilnehmerin eines Trainings bin, dann kostet es mich Überwindung, das Wort zu ergreifen.
Ich mache es zwar trotzdem, aber das war nicht immer so. Jahrelang blieb ich größtenteils still in größeren Gruppen, obwohl ich etwas zu sagen hatte.
Damals saß ich in den Trainings drin und war so unglücklich mit meiner eigenen fehlerhaften Performance, dass ich mich gar nicht mehr auf den Inhalt konzentrieren konnte.
Ich drehte mich um mich selbst.
Bis mir eines Tages der Gedanke kam: “Es ist okay. Ich bin zu schüchtern, um mich zu melden und ich sage nichts, obwohl ich gerne etwas sagen würde. Das ist nicht gut, das ist nicht schlecht. Es ist, wie es ist.”
Eine riesige Last fiel im Augenblick dieser Einsicht von mir ab. Plötzlich erlaubte ich mir selbst, genauso zu sein, wie ich war und ich entspannte mich …
Dann passierte das Überraschende:
Meine Hand ging nach einer Weile von alleine nach oben und ich meldete mich zu Wort. Einfach so. Mein Herz klopfte zwar bis zum Hals, aber das hielt mich nicht mehr zurück.
Heute muss ich zwar immer noch über meinen Schatten springen in Gruppen, aber ich springe regelmäßig - und sobald ich meinen Mund aufmache ist alles gut.
Das erzählte ich meinem Freund und wir mussten über uns selbst lachen. Wir schauten uns die Personen an, die tanzten und die Personen, die nicht tanzten.
Wir konnten sehen, dass im Grunde alle mit sich selbst beschäftigt waren. Mit ihren eigenen Gedanken, Geschichten und mit ihrer eigenen Version von “Ich bin zu X, aber eigentlich sollte ich mehr Y sein”.
Niemand kümmerte sich darum, ob mein Freund tanzte oder nicht oder ob ich mich in einem Training zu Wort melden würde oder nicht.
It’s not that deep.
Am nächsten Tag habe ich eine WhatsApp von meinem Freund erhalten, der mir schrieb: “Unsere Unterhaltung war wie ein Schatz für mich.”
Darüber habe ich mich so gefreut und ich dachte, jedes ätzende Gefühl ist es doch wert, gefühlt zu werden, wenn man am Ende weiser wird und damit anderen das Leben erleichtern kann.
Interview-Tipp: Mit dir stimmt alles, nur mit deiner Methode nicht
Meine Kollegin Michaela Thiede hat das geniale Buch "The Power of Systems" von Steve Chandler und Trevor Timbeck auf Deutsch übersetzt.
Ich habe ein Interview mit ihr darüber geführt, warum der ganze Selbstverbesserungs-Druck, mit dem man sich das Leben schwer machen kann, zu nichts führt - und welchen überraschenden Ausweg simple, intuitive Systeme liefern.
Schau rein, wenn du mehr Frieden im Kopf gebrauchen kannst.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenZum Abschluss möchte ich dir noch das folgende Zitat von Anthony de Mello mit auf den Weg geben. Es gehört zu meiner Lieblingssammlung, denn es beschreibt so schön, was ich im Text und im Interview mit Michaela in der Essenz ausdrücken möchte.
Anthony de Mello: Ändere dich nicht
Ich war jahrelang ein Neurotiker. Ich war ängstlich, depressiv und egoistisch. Alle sagten mir ständig, ich solle mich ändern. Ich nahm es ihnen übel, stimmte ihnen zu und wollte mich ändern, aber ich konnte es einfach nicht, egal wie sehr ich mich bemühte. Am meisten schmerzte mich, dass mein bester Freund, wie die anderen auch, immer wieder darauf bestand, dass ich mich änderte. Ich fühlte mich also machtlos und gefangen. Dann, eines Tages, sagte er zu mir: "Ändere dich nicht. Ich liebe dich so, wie du bist." Diese Worte waren wie Musik in meinen Ohren: "Verändere dich nicht. Verändere dich nicht. Verändere dich nicht... Ich liebe dich so, wie du bist." Ich entspannte mich. Ich wurde lebendig. Und plötzlich änderte ich mich!

